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ELLWANGER WEIHER UND SCHLOSSWEIHER
 
Luftbild vom NSG Ellwanger Schlossweiher - oben links das Ellwanger Schloss - Klick auf das Bild  



 
Hans Wolf (Ellwangen)
 
Das schwäbische Wort Weiher (wyher im 14. Jahrhundert) kommt von römisch vivarium für einen Fischweiher. Zum Bau eines Weihers verlegt man längs eines Baches eine Grundablassleitung, setzt an ihr oberes Ende einen schachtartigen Mönch und schüttet quer zum Tal einen Erddamm auf. Dann setzt man in den Mönch Staubretter ein und staut das Bachwasser zum Weiher auf. Historische Weiherwirtschaft: An ersten kühlen Spätherbstmorgen, wenn die Herzschlagfrequenz der Fische sinkt, zieht man die Staubretter aus dem Mönch, entleert den Weiher und fischt ihn ab. Im Winter liegt er trocken zum Auslüften, Ausfrieren und Ausspülen des einschwemmten und des weihereigenen Schlamms. Nach dieser Winterung befüllt man den Weiher im zeitigen Frühjahr mit frischem Wasser, setzt Ende März oder im April Jungfische ein, sie wachsen zu Speisefischen heran.

 
Karte von Ellwangen im Jahr 1829. Links Jagsttal, in der Stadt das ehemalige Benediktinerkloster, oben das Schloss des Abts und des späteren Fürstpropsts, im Stelzenbachtal die damals noch sechs Schlossweiher.


Ursprung und Blütezeit. Um 800 befiehlt Kaiser Karl der Große, keine Weiher eingehen zu lassen, sondern diese womöglich zu vergrößern und neu anzulegen. Die Mönche des 764 errichteten Karolingerklosters Ellwangen bauen an Zuflüssen der Jagst große und kleine Weiher, für 1337 gibt es erste schriftliche Weihernachweise. Dem Abt folgt 1460 der Fürstpropst nach. Johann Jakob Blarer von Wartensee beauftragt 1650 den Renovator Johann Unsin mit der Anfertigung eines Weiherbuchs, wonach dieser Propst 83 Weiher mit 140 Hektar Fläche gehabt hat. Hinzu kommen die Weiher des Kapitels der zwölf Chorherren. Nach Unsin sind Karpfen Hauptfische, auch Hechte, Barben, Döbel, Äschen, Neunaugen, Schmerlen, Groppen werden als Herrenspeise auf die Tafel des Fürstpropsts und der Chorherren aufgetragen.

 
Schlossweiher zu Füßen des Ellwanger Schlosses.

Niedergang. Seit Ende der Fürstpropstei 1803 isst man weniger Fisch. Man durchsticht Weiherdämme, wandelt Weiher in damals hochbegehrte Streuwiesen um, woraus Bauern vom Vieh verschmähte Sauergräser in Ställe einstreuen und als Stalldünger auf Futterweisen und Äcker ausbringen. Andere alte Weiher sind heute Futterwiesen oder Wald. Am längsten erhalten bleiben solche Weiher, die zugleich Mühlen antreiben. Doch betragen die Wasserkräfte bloß wenige PS (Klapperschenkel = Griesweiler 2 PS), da Wasserzustrom und Gefälle nur gering sind. Gasmotoren (Holzmühle um 1905 mit 45 PS), Dampfmaschinen und seit 1913 elektrischer Strom ersetzen die Wasserkräfte. Kein Weiher treibt mehr eine Mühle an; zuletzt 1952 werden Ohrmühlweiher, 1967 Klapperschenkelweiher für immer trockengelegt.

Neubeginn. Noch bestehen etwa dreißig alte Ellwanger Klosterweiher. In Ellwangen vier Schlossweiher, Loh-, Retters-, Krottenlochweiher. An der Ellenberger Rot zwei Muckenweiher, Neu-, Häsleweiher. Am Rotenbach zwei Sekretärweiher. Am Sixenbach Gries-, Säg-, Espachweiher. Am Kressbach Sägmühlweiher. Am Fischbach Antoniusweiher. An der Orrot Spitzensägmühl-, Herlingsweiher, fünf Weiher in der Schelmenklinge. An der Rechenberger Rot Ratzen-, Neumühl-, Rechenberger und Dankoltsweiler Weiher. An der Rotach (Wörnitzgebiet) Dietlesmühlweiher. Von 1959 bis 1987 werden Glas-, Holzmühl-, Schlier-, Kress-, Rötlen- und Stockmühlweiher zu weiherähnlichen Stauseen um- oder neugebaut. Seit gleicher Zeit Weiher wiederhergestellt oder neue gebaut, darunter drei Weiher am Schönberger Hof (Frankenbach), mittlerer Rettersweiher (Ellwangen), Groß- und Kleinleitersweiher (Fischbach).

Seit etwa 1960 lebt die Fischerei wieder auf. Berufsfischer Hug bewirtschaftet mehrere Weiher und Stauseen, fischt mit Weiherentleerungen traditionell ab, verkauft Satzfische an Anglervereine. Diese befischen den anderen Teil der Weiher mit der Angel. Wenn sie Weiher viele Jahre ohne Entleerungen und Winterungen stehen lassen, sind Verschlammungen und Wasserverschlechterungen Folge dieser unvollkommeneren Fischerei. Gefischt werden Karpfen, Hechte und Döbel; ferner Zander, Regenbogen- und Bachforellen, Schleien und Aale, welche im Weiherbuch von 1650 noch nicht vorkommen. Naturfreunde entdecken den ökologischen Wert der Weiher. Mehrere Weiher werden zum Schutz seltener Tier- und Pflanzenarten unter Naturschutz gestellt. Gebadet wird in Weihern kaum mehr, seit die neuen große Stauseen Haselbach-, Häslesee, Bucher Stausee, Kressbach-, Fischbach- und Orrotsee Hauptbadeplätze geworden sind.

 
Schlossweiher mit Gelben Teichrosen (Nuphar lutea) auf der Wasseroberfläche.

Ellwanger Schlossweiher. Alte hohe Eichen umgeben die vier am Fuß des Schlossbergs gelegenen Weiher. Kalmus, Teichbinsen, Seggen fassen ihre Ufer ein. Vor dem Röhrichtsaum schwimmen Gelbe Teichrosen Nuphar lutea und weißblühende Glänzende Seerosen Nymphaea candida. Die zweite Art hat Oberjustizassessor Dr. Hieronymus Lang 1865 hier für Württemberg neu entdeckt. Ihr Hauptverbreitungsgebiet ist Sibirien; in den Schlossweihern, im Häsleweiher und einigen Weihern des benachbarten Rotachgebiets haben die Pflanzen den westlichsten Punkt ihres Areals, kommen sonst nirgends in Baden-Württemberg vor. Sie sind winterhart und profitieren von traditionellen Weiherwinterungen in Konkurrenz zu anderen Schwimmblattpflanzen. Einwandernde amerikanische Bisamratten verzehren ihre stärkereichen Triebe und süßen Blütenknospen, müssen bejagt werden.

 
Glänzende Seerosen (Nymphaea candida), einzigartig für Baden-Württemberg.

Pressebericht Ipf- und Jagst-Zeitung vom 03.03.2010 [31 KB]

Tierwelt. Aus Wipfeln der alten Eichen ruft der Pirol. Aus Gebüschen singen Gartengrasmücke und Gelbspötter. Zwischen Teichsimsen laufen Wasserrallen, man hört ihr rallendes „Krruih“ aus Stängeldickichten. In Röhrichte bauen Stockenten, Blässhühner, Teichhühner, Zwergtaucher ihre Nester, schwimmen durch Seerosen auf das offene Wasser hinaus. Im Wasser quaken Wasserfrösche, werden von Ringelnattern verfolgt. Libellen fliegen hoch in die Luft hinauf, Baumfalken ergreifen manche von ihnen. Graureiher fangen Fische aus dem seichten Weiherwasser. Nachtigallen steigen bis hierher ins oberste Jagstgebiet auf (460 Meter) und singen in warmen Sommern aus Ufergebüschen über die nächtlichen Wasserflächen.

 
Viele Stockenten leben auf den Ellwanger Weihern.

Naturschutz. Schlossweiher und Schlossberg hat das Regierungspräsidium Stuttgart auf Antrag des NABU Ellwangen im Jahr 2006 zum Naturschutzgebiet erklärt, insgesamt 60 Hektar. Mit der Stadt Ellwangen hat der NABU den mittleren Rettersweiher als Amphibienlebensraum wiederhergestellt, plant mit ihr die Wiederherstellung des 1946 zugeschütteten Schlossmühlweihers (oben auf der historischen Karte ganz links). Auf NABU-Anregung führt das Bürgermeisteramt Ellwangen ein ökologisches Weiherprogramm fort, nachdem es die Zuständigkeit für die Naturdenkmale der Ellwanger Stadtmarkung erhalten hat.

 
Espachweiher bei Ellwangen. Lithografie von Baumann 1835.

Bedeutung. Die Ellwanger Weiher sind keine natürlichen Seen, sondern von Menschenhand vor Jahrhunderten geschaffene Klosterweiher (besser sagt man Espachweiher als Espachweiler See). Sie würden zerfallen, wenn sie dem freien Walten der Natur ganz überlassen würden. Entleeerungen und Winterungen gegen Verschlammungen und Wasserverschlechterungen, Sicherung der Dämme und Auslässe gegen Wasserzerstörungen, Fortführung der extensiven Fischereiwirtschaft, Ausweisung von Schutzgebieten (so wie man historische Baudenkmale schützt) erhalten sie als Kultur- und Naturdenkmale. Zusammenwirken von Mensch, Natur und Naturfreunden macht den landschaftlichen, ökologischen und ästhetischen Reiz der Ellwanger Weiher aus.

 
Blässhuhn und Glänzende Seerosen (Nymphaea candida) in den Ellwanger Schlossweihern.  



 

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